Fugenmontage im AKW Ignalina, Litauen – 10. Juli 2014

So eine Baustelle hat man nicht alle Tage!

Mit der EU-Osterweiterung und dem EU-Beitritt im Jahr 2004 wurde Litauen verpflichtet, das einzige Kernkraftwerk des Landes aus Sicherheitsgründen stillzulegen. Als das zum ukrainischen Tschernobyl baugleiche AKW 1983 in Betrieb ging, war  Litauen noch ein Teil der Sowjetunion. Mit dem Zerfall der GUS-Union kam das nunmehr unabhängige Litauen  in den Besitz des Kraftwerkes, dem einstigen Stolz der sowjetischen Atomenergiewirtschaft.

Wie mit der EU vereinbart, ging der letzte der beiden Reaktoren am 31.12.2009 endgültig vom Netz. Für die komplette Demontage des Kraftwerkes wurden 25-30 Jahre veranschlagt.
Federführend für den Bau zweier Atommüll-Zwischenlager ist der aus Deutschland stammende Nukleardienstleister NUKEM Technologies GmbH.

Die Müller-Fugensysteme GmbH wurde 2011 mit der Montage von 205 Metern wasserdichten und Dekontaminationsanforderungen entsprechenden MIGUA-Fugenprofilen in den neuen Zwischenlagern beauftragt und unsere Monteure begannen damals mit der Montage der Fugenprofile. Wegen baulicher Verzögerungen konnten diese Fugenprofile aber erst jetzt, im Juli 2014, komplettiert werden. Per Auto machten wir uns am 01. Juli 2014 auf den Weg nach Litauen und waren gespannt, was uns dort heute (drei Jahre später) erwarten würde.

Das Navi versprach 1400 Kilometer Strecke und deprimierende 14 Stunden Fahrzeit – wow!
Doch die Fahrt durch Polen lief wie geschmiert, das Tankstellen- und Raststättennetz ist phänomenal und fast alle Tankstellen haben rund um die Uhr geöffnet! Die Straßen sind in einem bemerkenswert guten Zustand – alles vom Feinsten. Als wir uns gegen 03:00 Uhr in der Frühe der litauischen Grenze näherten, schien es als ob die Sonne gar nicht richtig untergegangen wäre, so hell war der Himmel.
Den richtigen Sonnenaufgang erlebten wir gegen 03:45 Uhr gleich hinter der litauischen Grenze auf der E67 zwischen Suwalki (PL) und Marijampolé (LT) an einer ,Statoil‘-Tankstelle. Die Straßen selbst präsentierten sich wie deutsche Bundesstraßen in einem allgemein einwandfreien Zustand.

Je weiter wir in das Innere des mit nur 3 Millionen Einwohnern auf 65.000 Quadratkilometern mehr als dünn besiedelten Landes fuhren, desto stiller wurde es um uns. Die Landschaft ist ein grünes Gemisch aus Mecklenburger Seenplatte und Uckermark, vielleicht nicht ganz so hügelig. Vor einzelnen und in der Landschaft wie willkürlich verstreuten Holzhäusern, manikürten mit dicken Kopftüchern bekleidete Frauen ihre Vorgärten. Im Kontrast zu den tollen Straßen, schienen diese malerischen Holzhäuser wie aus der Zeit gefallen. Dann näherten wir uns der Trabantenstadt Visaginas, ganz im Südosten Litauens.

Visaginas entstand (ähnlich wie das ukrainische Pribjat bei Tschernobyl) als ,künstliche‘ Urbanisation neben dem Atomkraftwerk Ignalina. Von hier fuhren die Ingenieure und AKW-Beschäftigten ins Atomkraftwerk, hier wohnten sie mit ihren Familien und hier schlug das Herz der sowjetsozialistischen ,Atomzeit‘.
Als wir gegen 09:30 Uhr in die Stadt fuhren, waren die Straßen nahezu menschenleer. In der wunderbaren Pension ,Idile‘ wurden wir bereits erwartet und nach kurzer Morgendusche machten wir uns auf den Weg zur Baustelle neben dem stillgelegten AKW.

Im 2. Bauabschnittes hatten wir ca. 100 Meter Fugenprofile fertigzustellen. Die Baustelle zeigte sich in einem sauberen Zustand, für unsere reibungslose Arbeit war alles bestens organisiert. Mittlerweile steht auch der 3. Bauabschnitt vor Baubeginn.

Nach Feierabend war endlich Zeit, dass ,geheimnisvolle‘ Städtchen Visaginas zu erkunden. Einst für etwa 40.000 Menschen gebaut, leben heute nur noch 20.000 Menschen in der AKW-Trabantenstadt und seit der Stilllegung arbeiten im Kraftwerk nur noch 3000 Leute.  Die Sauberkeit zwischen den Wohnblöcken und Straßen ist unglaublich. Es liegen keine Kippen herum, jeder Quadratzentimeter Nutzrasen ist gemäht und schon früh am Morgen fegen Frauen in hellgrünen Warnwesten an Stellen, wo es augenscheinlich nichts zu fegen gibt.

Für die (seltenen) Besucher gibt es in der Main-Street ,Taikos‘ eine Überraschung. Die von einem Italiener geführte ,Pizzaria‘ ist offenbar der Treffpunkt für die verbliebenen Jung-Visaginisten und bietet Pizza und Pasta vom Feinsten! Hier cruisen die Autos wie auf einer Fanmeile und hier trifft man die hübschesten Frauen in der östlichsten Ecke der EU – ein Augenschmaus. Leider haperte es mit der Verständigung, denn 80 Prozent der Einwohner sprechen nur Russisch und wollen in ihrer Muttersprache angesprochen werden. Die Menschen sind freundlich und weltoffen. Zu unserer Überraschung gibt es in den wenigen Supermärkten ein ähnlich üppiges Angebot wie in Deutschland.

Auch am Nachmittag bleibt es zwischen Visaginas Wohnblöcken still. Lediglich auf einem Spielplatz treffen sich ein paar junge Mütter mit ihren Sprösslingen. Die Kinder zeugen von der Hoffnung, dass hier das einstige Herz der litauischen Energiewirtschaft weiterschlagen wird. Für die jetzt hier aufwachsenden Kinder ist diese Enklave ein Paradies. Es gibt keine Gefahren wie in westlichen Großstädten: keine Straßenbahn, keine U-Bahn, keinen hektischen Stadtverkehr.

Ein riesiges Schild an einem See verkündet, das die EU hier einen Strand baut. Überhaupt scheint die EU hier viel zu finanzieren, denn überall stehen solche Schilder! Ignalina und die Retortenstadt Visaginas ist kein touristisches Reiseziel. Doch die kleine Stadt und ihre Geschichte ist auf eine gewisse Art faszinierend und macht nachdenklich. Von Berlin aus, ist man in wenigen Stunden da. Pizza, Bier und Pasta schmecken!

Unterwegs in Litauen